„Habt ihr das gelesen?“ , fragt ein Kollege in unserer Facebook-Pastorengruppe und postet dann einen Zeitungsartikel des Südkuriers. Na ja, dessen Verbreitungsgebiet ist so ziemlich der geographisch entgegengesetzte Bereich des Nordfriesischen Tagblatts. In dem Artikel beklagt der Autor, dass Kirchen in der Corona-Krise allzu schnell sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hätten. Klaglos wären Kirchen geschlossen und schnell mal das Osterfest für abgesagt erklärt worden. Im Web tummelten sich zwar tausende Online-Angebote, aber der Personenkreis, der besonders die Kirche sucht, die Älteren, würden nicht erreicht. Pastoren ziehen sich zum Eigenschutz in ihre vier Wände zurück und lassen die Herde allein.

Während die Bäcker als systemrelevante Betriebe weiter Brot backen und ausgeben dürften, hätte die Kirche ihre Zuschreibung als „nicht systemrelevant“ durch die Bundesregierung akzeptiert und eilfertig darauf verzichtet, ihr Brot der Hoffnung, das Abendmahl, unter die Gläubigen zu bringen. Als ich das las, spürte ich zwei Dinge in mir: Ärger über diese sehr vereinfachte Schilderung. Aber irgendwie auch das Gefühl: Wenn auch wir Pastorinnen und Pastoren posten: Hashtag. Wir bleiben zu Hause! – ist das vielleicht nicht die stimmigste und biblisch angemessenste Form mit der aktuellen Situation umzugehen. Zunächst mal zu meinem Ärger: Was Kirchengemeinden momentan machen, sind nicht nur Online-Gehversuche. Das auch, und damit erreichen wir auf einmal auch Menschen, die bisher von Kirche wenig gehört und erlebt haben, aber online für Glaubensfragen ansprechbar sind. Aber es geschieht noch viel mehr, aber das geschieht nicht so öffentlichkeitswirksam. Es wird momentan viel telefoniert: so versuchen wir besonders ältere Gemeindeglieder zu erreichen. Zusätzliche Gemeindebriefe werden vor Ostern auf den Weg gebrach t– wir werden ein österliches Faltblatt für alle als Gruß bald drucken. Gestern habe ich die Andacht, die ich im Seniorenheim Nis Puk heute nicht halten darf, als Kopie hereingereicht. Extra in ziemlich großer Schrift. Heute wollen wir eine Aktion für Kinder starten: Hoffnungssteine bemalen. Davon erzähle ich euch hier ein andermal! Und so macht jede Gemeinde, was sie kann und was passt. Kirche hat sich nicht einfach zurückgezogen. – Aber da ist ein zweites Gefühl. Ja, es ist sehr schmerzlich, dass ich nicht hindarf zu dem Mann, der im Sterben liegt in einem Heim. Ja, es ist schmerzlich, dass die Empfehlung meiner Kirche, im Grunde sogar die Dienstverpflichtung ist: selbst Trauergespräche nur am Telefon zu führen. Dabei geht es gar nicht nur um den Selbstschutz. Ich kann ja genauso Überträger des Virus sein und ihn durch meinen Besuch in ein Heim einschleppen oder in eine zum Trauergespräch versammelte Familie. Ich bewundere die Priester in Italien, die selbstlos zur letzten Ölung der Sterbenden gingen. Aber ich bewundere nicht ihre Kirchenleitung, die sie dafür anspornte. Mindestens 60 Priester sollen durch Corona gestorben sein. Und sie selber können auf ihren Wegen zu den Sterbenden andere noch angesteckt haben. Wir müssen andere Wege finden bei den Menschen zu sein. Und wir dürfen die besondere Situation jeweils nicht aus dem Blick verlieren. Ein Seelsorge- oder Trauergespräch im Gemeindesaal mit viel Abstand zwischen den einzelnen ist, glaube ich, bei weitem nicht so gefährlich wie ein Einkauf. Das muss möglich sein. Ein Gottesdienst in unseren großen Kirchen mit 20 Leuten – mehr sind wir hier oben doch sonntags meist nicht, mal ehrlich! – und Desinfektionsspender am Eingang und strenger Wischordnung: Vielleicht hätte der auch weiter stattfinden können. Wobei: wie diszipliniert wären wir am Ausgang, einfach einzeln mit Abstand jeder und jede für sich nach Hause zu gehen? Sie sind momentan so wichtig, diese strengen Verordnungen Abstand zu halten, und ich finde es kostbar, dass da Kirchen, Moscheen, Synagogen – alle das mittragen um Menschen, die uns am Herzen liegen, nicht zu gefährden. Und was das Abendmahl angeht. Ja, es ist schmerzlich: kein Abendmahl anbieten zu können jetzt und in der Osterzeit. Weil gerade das Abendmahl eine echte Trost- und Hoffnungsgabe ist, Brot des Himmels. Aber auch da müssen wir Neues wagen: Warum sollen an Gründonnerstag nicht alle um 19.00 Uhr, wenn unser Gottesdienst wäre, daheim Brot bereitstellen. Vielleicht auch einen Schluck Wein oder Saft. Mancher kann unseren Gottesdienst im Internet verfolgen, viele nicht. Aber wenn ihr ein Vater unser betet. Wenn ihr euch erinnert an Jesus, der mit seinen Jüngern Mahl hielt, der unser Gastgeber beim Abendmahl ist, egal ob in Wohnzimmern oder Kirchen. Wenn ihr euch erinnert, wie er Brot und Wein nahm, dankte, seinen Jüngern gab und sprach: Nimm und iss - mein Leib für dich gegeben. Nimm und trink. Mein Blut für dich vergossen. Und dann nehmt ihr das Brot und spürt, wie Jesus es euch reicht und esst. Dann ist das Abendmahl. Und Jesus ist mit seiner Hoffnung bei euch! – Schreibt gerne mal ehrlich, wie ihr über diesen Zeitungsartikel denkt! Und bleibt behütet

Euer Pastor Gerald!

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