Gestern hat die eigentliche Karwoche begonnen. Die „stille Woche“ wird sie gerne genannt – aber dass sie so still wird, hätten wir alle vor einem Monat wohl noch nicht erwartet! Da wird man schon ganz schön sehnsuchtsvoll, wenn in den leeren Kirchen die Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem gelesen wird: Menschen dicht an dicht gedrängt, jubelnd und feiernd. Jesus zum Greifen nahe. Keine Abstandsregeln. Keine Mengenbegrenzungen! Wer wollte, durfte herbeilaufen und diesen Einzug erleben.

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Und einmal mehr wurde mir bewusst, was wir für einen wunderbaren Gott verkündigen dürfen: Gott, der keinen Abstand hält. Keinen Gott der Philosophen, der irgendwo in den Weiten des Universums thront, sondern Gott – ganz nahe. Zum Greifen nahe.

So zeigt er sich doch ständig in der Bibel: er mischt sich ein, er kommt zu den Menschen, er gibt ihnen Kraft, er schenkt ihnen wegweisende Gedanken, hat Aufträge für sie. Er mischt sich unter uns, oft genug unerkannt, und führt unsere Wege, oft ohne dass wir das direkt merken. Und dann wieder spüren wir: Da ist er! Ja, da erreicht mein Herz eines seiner Worte. Da spüre ich seine Liebe. Da merke ich meine Schuld. Da kommt eine Erleuchtung, und das war er! Meine Gedanken wanderten zurück. Israel – ist es nun bald zehn Jahre her, als ich mit meinem Freund Frank Schmitt eine Gemeindereise durchs heilige Land begleiten durfte? Meine Töchter, damals 6 und 9 Jahre alt, hatte ich dabei.

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Was war das für ein Moment: vom Ölberg aus auf die heilige Stadt zu sehen! Mit einem Glas Rotwein ließ unser jüdischer Reiseführer uns an diesem denkwürdigen Ort anstoßen. Und dann zogen wir wie damals Jesus über das grobe Straßenpflaster hinunter Richtung Stadttor. Da stand er in einer Ecke – ein Mann mit einem Esel, der uns fröhlich zuwinkte und auf die Kinder deutete. Einmal aufsitzen, und dann ein Foto machen. Irgendwie gehörte es in diesem Moment für mich dazu! Es war Herbst, und die Straßen gut belebt, aber nicht übervoll mit Touristen. Jeder Schritt war für mich irgendwie bedeutungsvoll, und es war so ein Gefühl, als wäre man wirklich auf diesem Weg Jesus besonders nahe: Hier ist er schon entlanggekommen! Mit welchen Gedanken war er damals erfüllt? Genoss er den Augenblick, von so vielen Menschen umgeben? Sah er schon alles vor Augen, was ihm bald widerfahren würde, bis hin zur Kreuzigung? Spürte er in der Menge die Einsamkeit, die sich seiner bald bemächtigen würde, wenn die Jubler auf einmal umschwenken und „Kreuzige ihn“ brüllen und die engsten Freunde sich verkrümeln? Vorbei kamen wir an einer Kirche „Dominus flevit“, zu deutsch „Der Herr weint“. Sie ist wirklich geformt wie eine große Träne: an der Stelle soll Jesus nach Bibelüberlieferung über die Stadt Jerusalem und alles, was ihr noch bevorsteht in ihrer wechselvollen Geschichte, Tränen vergossen haben.

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Mich hat diese Geschichte besonders berührt: da sonnt sich Jesus nicht in dem Jubel der Menge, und er bleibt auch nicht bei sich im Bewusstsein seines eigenen bevorstehenden Endes, sondern er sorgt sich um andere und fühlt mit ihrem Schicksal mit. Wie so viele jetzt, die sich einsetzen für andere, die sich gar nicht so sorgen sich selber anzustecken, sondern die einfach nur die Menschen sehen, für die sie da sein wollen. Sie wollen nicht Helden genannt werden. Sie wollen einfach nur ihren Dienst gut tun können! So wie Jesus nicht König oder Heiland oder Messias gerufen werden wollte. Er wollte ganz und gar da sein für die Menschen. Bis zuletzt. – Sie ist stiller als sonst, diese Karwoche. Aber Jesus zieht auch durch leere Straßen, kommt zu denen, die ganz alleine irgendwo sind und möchte nur eines: in unsere Herzen einziehen. Uns spüren lassen: er fühlt mit. Und wenn wir genau hinhören, spüren wir, wie er sagt: „Ich bin doch bei dir! Alle Tage! Bis ans Ende der Welt!“

Eine gesegnete Karwoche, bleibt behütet! Euer Pastor Gerald

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